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Inhaltsverzeichnis
 
 

1. Kapitel
An einem trüben Februarmorgen lag ich im Bett und wartete darauf, dass mein Wecker klingelte. Bekloppt, ich weiß. Ein normaler Mensch liegt im Bett und schläft, bis der Wecker klingelt. Aber ich werde fast jeden Morgen schon vor dem Weckerklingeln wach und liege dann blöd im Bett rum, zu schlapp zum Aufstehen, aber zu wach zum Weiterschlafen. Und wenn der Wecker dann wirklich klingelt, dann überfällt mich im selben Augenblick eine wahnsinnige Müdigkeit und ich muss unbedingt noch ein bisschen weiterschlummern. Keine effiziente Methode, den Tag zu beginnen, aber so läuft es nun mal.
Uh! Da ging’s los: Mein Wecker piepte, brutal und durchdringend. Von wegen klingeln! Moderne Wecker klingeln ja nicht, sondern piepen, dass einem vor Schreck das Trommelfell schrumpft. Schnell gab ich dem Wecker eins über den Latz. Aaahh! Ruhe! Wunderbare Ruhe … Und gleich setzte auch die übliche Schläfrigkeit ein. Noch ein bisschen weiterdösen … Nun genoss ich die schöne Eigenschaft meines Weckers: die Snooze-Funktion, also die automatische Weckwiederholung alle fünf Minuten. Ich kuschelte mich noch mal extra tief in die Kissen. Um den vorhin unterbrochenen Traum zu Ende zu träumen. Worum ging’s da noch gerade? Irgendwas mit einem total süßen Hund, einem Golden Retriever …
Aber wie das so ist mit unterbrochenen Träumen, ich kriegte irgendwie keinen Anschluss mehr. Also beschloss ich, stattdessen meinen Lieblings-schönen-Traum zu träumen: »Ich und Dominik kommen zusammen.«
Dazu muss man wissen: Dominik ist der wunderbarste Junge an unserer Schule. Weiche, goldblonde Haare, freundlich, sportlich, süß, kommt mit allen klar, Mittelstufensprecher … Und leider absolut nicht meine Liga. Also wenn einer unerreichbar ist für eine wie mich, dann ist das Dominik. Denn ich bin eine zu kurz geratene, pummelige Achtklässlerin, meine Haare sind nicht gold-, sondern haferbreiblond und dazu störrisch, ich bin weder freundlich noch sportlich noch süß, dafür aber dick bebrillt, ich komme nicht mit allen klar und ich bin auch nicht cool, schick oder witzig, dazu eine halbe Streberin mit peinlich guten Noten. Im Hinblick auf Dominik also ein klarer Fall von Game over.
Wirklich, Dominik und Annette, das passt zusammen wie weißer Tiger und nasse Katze. Wie stolzer Schwan und Donald Duck. Wie prächtiger Adler und pappiges Grillhähnchen. Aber darf ein Mädchen träumen? Es darf! Solange es niemand weiß, und zum Glück weiß ja niemand von meiner geheimen Obsession. Niemand außer meiner besten Freundin Pia. Und selbst die würde umfallen und »Kitschalarm!« brüllen, wenn sie wüsste, was ich mir da im Halbschlaf ausmale …
Also … Dominik und ich stehen in der Schlange vor dem Kiosk neben unserer Schule. Wenn viel los ist, arbeiten dort zwei Verkäufer, sodass sich zwei Schlangen bilden und wir nebeneinander stehen. Allein das ist schon soo schön! Dominik greift nach einem Schokoriegel. Und wie von einer höheren Macht gelenkt, greife ich nach demselben Riegel. Unsere Hände berühren sich und ich kriege fast einen Blitzschlag davon. Im Ernst, das ging mir durch bis in die Füße und ich dachte, mir schmelzen die Schuhsohlen! Bis hierher ist mein Lieblings-schöner-Traum sogar wahr. Genauso war es passiert, vor anderthalb Jahren am Kiosk.
Die Wirklichkeit ging dann leider extrem dämlich weiter: Dominik zog seine Hand zurück und sagte ganz locker und freundlich: »Oh sorry, wolltest du den Schokoriegel?« Dann nahm er sich genauso locker einen anderen, bezahlte und ging. Und ich stand da wie Olga Oberdoof, völlig reglos, als wären meine Schuhsohlen wirklich mit dem Asphalt verschmolzen. Und klar, in so einem Moment kommt natürlich unsere Klassentusse Nina vorbei und meinte in ihrer typisch verzickten Art: »Na Annette, biste angewachsen?« Wenn die gewusst hätte, wie nah sie an der Realität dran war!
Klarer Fall, dass das Ende dieser Geschichte dringend umgeschrieben werden musste. Und so schuf ich an diesem Morgen folgende Version:
Auch Dominik trifft es wie der Blitz, als unsere Hände sich berühren. Er wendet sich mir zu, sieht mich an, nimmt meine Hand – neuer Blitz! – und sagt ganz leise: »Annette …« Dann zieht er mich vom Kiosk weg, hin zu der Rosenhecke des kleinen Parks ganz in der Nähe. Dort steht eine Bank, wir setzen uns. Dominik rückt noch ein bisschen näher, legt seinen Arm ganz sanft um meine Schulter, wir sehen uns ganz tief in die Au…
»Aufstehen, Nettchen!« Reflexartig haute ich wieder auf den Wecker. Aber der war’s gar nicht. Diesmal war es meine Mutter. So früh am Morgen ließ auch ihre Stimme mein Trommelfell schrumpfen. Nur haben Mütter leider keine Snooze-Funktion.
Statt einer Antwort brachte ich nur ein Grunzen zustande. Das ist manchmal eh die beste Art, mit meiner Mutter zu kommunizieren, vor allem wenn sie gar keine Antwort erwartet, sondern lieber selber reden will. Heute Morgen hörte sich das so an: »Aufstehen, Kind! Los! Du hast 39 Minuten und du musst duschen, dich anziehen und dich zurechtmachen!«
Ich mache mich nie zurecht, und das weiß sie auch genau, aber meine Mutter ist eine von der hartnäckigen Sorte. Sie gibt nicht so leicht auf und hofft seit 13 Jahren, dass ich irgendwann doch noch ein »richtiges« Mädchen werde. Eins, das sich zurechtmacht.
Falls jetzt jemandem aufgefallen ist, dass meine Mutter gerade »duschen, anziehen, zurechtmachen«, aber nicht »und frühstücken« gesagt hat, der hat einen Kernpunkt unserer Mutter-Tochter-Konfliktsammlung getroffen. Meine Mutter findet mich nämlich zu dick. Das würde sie mir natürlich nie so direkt ins Gesicht sagen, sie will mich ja nicht fertigmachen, aber ich bekomme doch regelmäßig Dinge zu hören wie: »Fruchtsorbet ist doch viel leckerer als Vanilleeis!« – Ja, Mama, und die Erde ist eine Scheibe. – »Wenn man die Butter vom Brot weglässt, dann merkt man das gar nicht!« – Nö, die Stulle schmeckt dann nur nicht. – »Soll ich dich mal beim Wasserball anmelden?« – Sie hat in einem Zeitungsartikel gelesen, dass Wasserball besonders viele Kalorien verbrennt.
Das Schlimmste an der Dick-Debatte ist: Sie hat recht. Ich bin nicht dünn. Ich bin stämmig. Schon als kleines Mädchen war ich eher der stabile Typ. Und dabei hatte meine schönheitsbewusste Mutter sich so sehr eine zarte, niedliche Tochter gewünscht, eine, die sie in rüschig-plüschige rosa Klamotten stecken kann und die ins Kinderballett geht. Aber ich habe Rosa immer gehasst und im Kinderballett habe ich mich als Vierjährige so energisch am Türbalken festgekrallt, dass mich niemand in den Saal gekriegt hat. Die Lehrerin war beeindruckt von meiner Kraft und schlug vor, mich beim asiatischen Kampfsport anzumelden. Meine Mutter dagegen war fertig. So sehr, dass sie sich eine Träne wegwischen musste, als sie den rosa Ballettanzug ins Geschäft zurückbrachte. Dabei hat sie netterweise versucht, sich nichts anmerken zu lassen, aber ich habe die Träne trotzdem bemerkt. Mann, hatte ich da ein schlechtes Gewissen!
Dasselbe schlechte Gewissen hatte ich auch an diesem Morgen, als ich in meinem schlabbrig-gemütlichen Schlaf-T-Shirt, mit meinen störrischen, haferbreiblonden Haaren und eben gar nicht wie ein Ballettmädchen an ihr vorbei Richtung Bad tappte. Sie wusste, dass ich mich auch diesmal nicht »zurechtmache«. Und dass ich erst mal gemütlich frühstücken würde. Sie ging stattdessen eine Runde Joggen, das ist ihre neueste Maßnahme zum Ewig-jung-und-schön-Bleiben. Man merkt es schon: Meine Mutter hat einen Schönheitsfimmel.
Nicht mal acht Minuten später saß ich gewaschen und angezogen, aber kein bisschen zurechtgemacht am Frühstückstisch. Ich kaute ein leckeres Käsebrot und dachte über den Schönheitsfimmel meiner Mutter nach. Ihr ganzes Leben dreht sich um Schönheit. Kein Wunder, denn ihr gutes Aussehen hat meine Mutter aus einem extrem schnarchigen Kaff in die Großstadt katapultiert. Erst wurde sie Schönheitskönigin in ebendiesem Kaff, dann im Landkreis und zum Schluss war sie sogar Miss Nordrhein-Westfalen. Das ist natürlich alles lange her, war vor meiner Geburt, aber es gab den Startschuss für ihre Karriere. Jetzt betreibt sie einen Schönheitssalon und dank der vielen guten Kontakte aus ihrer Zeit als Miss Nordrhein-Westfalen läuft der Laden wie eine Fahnenfabrik zur Fußball-WM. Von dem, was meine Mutter dort verdient, leben wir beide, und das sogar ganz gut. Mein Vater, der schon lange woanders wohnt, trägt nicht wirklich zu meinem Lebensunterhalt bei und zu dem meiner Mutter schon mal gar nicht. Eher umgekehrt. Mein Vater ist einer, den blöde Leute einen Loser nennen und nette Leute einen Lebenskünstler. Auf jeden Fall ist er sehr locker und witzig und erwartet nie, dass ich mich »zurechtmache«. Oder dass ich Brot ohne Butter esse.
»Vergiss … bitte … nicht … wieder … deinen … Hausschlüssel!«, keuchte es stoßweise von der Küchentür her. Meine Mutter, zurück vom Joggen, wobei sie sich wie immer völlig verausgabt hatte. Sie japste noch ein paarmal nach Luft und schaffte dann sogar zwei Wörter pro Atemzug: »Ich hab … heute drei … Ganzkörperpeelings und … die Stadträtin … zur Maniküre …, da kann … ich nicht … wieder nach … Hause rennen …, um dir … die Tür … aufzumachen!«
Oh bitte nicht! Nicht das Thema wieder! Nur weil ich ein-mal meinen Schlüssel vergessen habe, und das vor Wochen, kriege ich jetzt jeden Tag diese Predigt! Meine Laune sauste im freien Fall Richtung Heizungskeller und ich wollte schon einen entsprechenden Antwort-Grunzer loslassen, als meine beste Freundin mich auf dem Handy anrief.
Pia scheint echt einen sechsten Sinn dafür zu haben, wann ich sie brauche. »Hey Nette!« So nennt sie mich, ist das nicht süß? »Ich hab was Unglaubliches gefunden! Das Poesiealbum meiner Oma, original aus den 50er-Jahren! Da stehen Sachen drin, die hauen dir die Gläser aus der Brille!«
»Und das bei meinen dicken Gläsern!«, kicherte ich. »Lass hören!«
»Gleich, in der Schule, bin grad super im Stress, ich muss mich noch schick machen, ist doch heute Valentinstag! Tschüss!« Und schon hatte sie aufgelegt. Und meine Stimmung, kurzfristig auf dem Wege der Besserung, sauste wieder steil nach unten. Valentinstag! Auweia!
Den Valentinstag hatte ich völlig vergessen. Dabei wurde man schon seit Wochen von allen Seiten damit zugedröhnt: überall Rosen, in Geschäften, in Schaufenstern, im Fernsehen, dazu Herzen aus Schokolade, Kitschpostkarten bis zum Geht-nicht-mehr, Super-Sonder-Pärchenangebote von Mobilfunkanbietern, Turteltäubchen tralala, einfach alles, was den chronischen Single fertigmacht. Also mich. Denn ich habe ja keinen Freund. Ehrlich gesagt, hatte ich noch nie einen. Nicht mal einen zum Knutschen auf der Schulparty, einen lausigen Abend lang. Oder zum Händchenhalten am Lagerfeuer im Sommercamp …
Ach, kein Wunder – für eine wie mich. Denn ich bin ja we – der schön wie Nina, unsere Klassentusse, noch frech und lustig wie Pia noch sonst was, sondern einfach nur stämmig. »Jetzt reduzier deine Persönlichkeit mal nicht wieder nur aufs Äußere!«, würde mein Vater jetzt sagen. »Wenn du ein bisschen was aus dir machen würdest, wärst auch du hübsch!«, würde meine Mutter jetzt sagen. Und fortfahren mit: »Gerade zum Valentinstag wäre das doch mal ein schöner Anlass!« Ich sage nur: Valentinstag. Auweia! Au-doppelt-weia!

2. Kapitel
Bevor ich mich jedoch dem Auweiaweia-Valentinstag stellen musste, hatte ich noch eine kleine Schonfrist: meinen Schulweg. Für viele ist der Schulweg ja nur ein notwendiges Übel, aber ich liebe ihn. Ich radele jeden Morgen mit meinem Fahrrad eine gute Viertelstunde zur Schule, eine echt nette Strecke durch den Grüngürtel und den Beethovenpark. Das ist genau die richtige Mischung aus interessant – verschiedene Jahreszeiten, wechselnde Lichtverhältnisse, unterschiedliches Wetter -, um nicht langweilig zu sein, aber doch wieder so gleichförmig, dass ich dabei immer wunderbar entspannen und nachdenken kann. Heute war es zwar kalt, aber klar und wolkenlos. Die Sonne ging gerade auf, gefrorene Tautropfen glitzerten in den Büschen und überall waren Hunde unterwegs mit ihren Herrchen und Frauchen. Ach ja, seufzte ich, so ein Hund hat es gut … Der braucht sich nicht zurechtmachen, der kann nicht seinen Hausschlüssel vergessen, der wird nicht von seiner Mutter zugeschwallt und den zicken auch keine Klassentussen an … Obwohl, am Ententeich wurde gerade ein Pudel von einem Schäferhund sehr ruppig verbellt. Wer weiß, was bei Hunden so alles abgeht in Sachen Mobbing. Ist sicher auch nicht immer leicht … Ich radelte weiter. Da sah ich meinen Lieblingshund, einen wunderschönen Golden Retriever. Ich fuhr langsamer und sah lächelnd zu, wie der Hund übermütig herumsprang und die Stöckchen holte, die sein Frauchen für ihn warf. So ein süßer Hund! So freundlich, so hübsch, so weiches, goldblondes Fell …
In dem Moment hätte es mich fast hingelegt vor Schreck. Der Golden Retriever! Von dem ich heute Morgen geträumt hatte! Der ist ein Symbol! Ein Traumsymbol für meinen Traumjungen! Denn Dominik ist genau wie ein Golden Retriever, das wurde mir mit einem Schlag klar. Er ist genau wie diese wunderbaren Familienhunde: goldblond, freundlich, sportlich, süß, kommt mit allen klar … Und wenn es in der Hundeschule einen Mittelstufensprecher gäbe, dann wäre das auch ein Golden Retriever. Jetzt musste ich ganz tief seufzen. Denn auch in der Hundeschule wäre ich höchstens ein Rauhaardackel. Oder ein Basset mit kurzen Beinen. Oder ein Mischling mit haferbreifarbenem Fell und schiefen Ohren, den jemand nur aus Mitleid aus dem Tierheim geholt hat. Ein Golden Retriever würde den niemals auch nur angucken, geschweige denn beschnüffeln … Ich musste mir beim Weiterradeln eine Träne abwischen. Es klingt vielleicht abgedroschen, aber unglückliche Liebe tut nun mal verdammt weh …
Obwohl ich dann noch mindestens 100 Meter von unserer Schule entfernt war, konnte ich den Valentinswahn schon deutlich spüren. Um mich herum wurde nämlich noch mehr gekichert und gekreischt als an einem normalen Tag. Rotohrige Sechstklässler hielten in Papier gewickelte Rosen in ihren kleinen, schwitzigen Pfoten, um sie unauffällig ihrer Angebeteten auf den Tisch zu legen. Bis an die Zähne aufgedonnerte Mädchen schielten nach den großen Jungs aus der Oberstufe, auch wenn diesen Zielpersonen das am unteren Rückenfortsatz vorbeiging. Einige unserer Schulschönheiten hatten sogar Extrataschen dabei, um die zu erwartende Flut an Rosen, Karten und Schokoladenherzen überhaupt nach Hause zu bekommen. Oh Mann, deren Optimismus möchte ich haben! Ich habe es in den letzten Jahren immer nur auf eine Rose gebracht. Eine einzige pro Valentinstag, und die war auch noch anonym. Ich habe nie rausgefunden, von wem sie stammt, und fragte mich gerade, ob sie wohl von dem kleinen Sechstklässler sein mochte, der eben rotohrig und schwitzpfotig an mir vorbeigestürmt war … Und wie ich das wohl finden würde, wenn er sich nun dieses Jahr outete. – Dann müsste ich mich am Ende wohl freuen … Und dankbar sein. Ich musste schlucken.
Ich stellte mein Fahrrad in den total überfüllten Fahrradschuppen auf unserem Schulhof. Der Fahrradschuppen – ein weiteres finsteres Thema in meinem Leben. Ich hole mir nämlich jeden Morgen blaue Flecken, wenn ich mein Fahrrad in den vollgestopften Schuppen bringe. Irgendwann vor ein paar Monaten hatte ich so die Schnauze voll davon, dass ich ganz offiziell einen Antrag eingereicht habe bei der Schülervertretung, damit die mal Druck macht für mehr überdachte Fahrradstellplätze. Aber da war rein gar nichts passiert. Außer dass Nina, die Klassentusse, von der Sache Wind gekriegt hatte und laut rumtönen musste: »Oh, Annette geht in die Politik! Na ja, seit Angela Merkel ist das ja das Betätigungsfeld für aussehensmäßig benachteiligte Frauen!«
So ein Spruch tut doch echt weh im Kopf, oder? Und leider auch in der Seele.
Ich rückte meine dicke Brille zurecht – nein, die trage ich nicht aus Protest gegen alle Äußerlichkeiten, wie meine Mutter immer behauptet, sondern weil ich verdammt noch mal keine Kontaktlinsen vertrage – und marschierte tapfer los. Weil aber der Tag schon blöd angefangen hatte, ging er auch gleich genauso blöd weiter, das kennt man ja. Nina, die eben erwähnte Klassentusse, lungerte wie so oft am Eingang rum. Ausweichen unmöglich. Sie musterte mein Outfit von oben bis unten, bestehend aus meiner Lieblingsjeans, einem kuscheligen Holzfällerhemd und meiner Winterjacke, und grinste breit.
»Hauptsache, es umspielt, was Annette?«
Ninas ergebene Sklavinnen, die Hilfstussen Michelle und Svea, kicherten hysterisch. Ich reagierte nicht, denn was soll man dazu schon sagen? Als ich vorbei war, sangen sie auch noch ihren typischen, halblauten Mobbingsong »Annette, die Fette, Annette, die Fette!«. Nee, was waren die wieder originell …
Als ich mich in der Eingangshalle nach Pia umsah, dachte ich, dass ich das ruhig laut zu ihnen hätte sagen können: »Nee, was seid ihr wieder originell.« Aber ich bin leider immer erst mit Verspätung schlagfertig. Und das heißt unterm Strich: Ich bin gar nicht schlagfertig. Und in diesem Fall hätte ich erst recht nichts erwidern können. Denn ich hatte mal wieder dieses fiese Prickeln in der Nase und in der Oberlippe. Das kriege ich immer, wenn ich gleich anfange zu heulen. Ich musste meine ganze Willenskraft aufbieten, damit das blöde Prickeln wieder aufhörte … Doch es ließ nach, so ein Glück.
Und da sah ich ihn. Dominik. Den wunderbarsten Jungen der Welt. Nur ganz von Weitem, denn er ging am Ende des langen Flures vom Tor zum Pausenhof, nach links, zum Chemiesaal, wo die 9a jetzt gleich eine Doppelstunde Chemie hatte. Mein Herz blieb stehen bei seinem Anblick … Und ja, ich gebe es zu: Ich kann seinen Stundenplan auswendig. So schlimm steht es um mich. Nicht mal Pia weiß das mit dem Stundenplan …
Meine Nase prickelte wieder, denn was hab ich schon für Chancen bei Dominik … Absolut total überhaupt gar keine. Weniger als null. Und jetzt hätte ich garantiert angefangen zu heulen, wenn nicht im nächsten Augenblick Pia auf mich zugestürmt gekommen wäre. Sie umarmte mich heftig – Pia ist immer so impulsiv – und alle Nasenprickelei verschwand auf der Stelle.
»Nette, Nette, Nette, das musst du dir reinziehen!« Sie zerrte mich in unsere geheime Ecke unter der Treppe, wobei sie mit einem quadratischen, rosa Büchlein wedelte, dem Poesiealbum ihrer Oma. »Wenn du die Sprüche liest, da wunderst du dich, dass es uns überhaupt gibt! Dass unsere Großmütter sich nicht alle erschossen haben, bevor sie unsere Mütter und Väter kriegen konnten! Hier, hör mal den hier:
Eiche, Buche, Birke, ist ein hartes Holz.
Eine brave Tochter ist der Eltern Stolz.
Hammer. Ich riss Pia das Poesiealbum aus der Hand und blätterte. Echt der Hammer!
Beklage nie den Morgen, der Müh’ und Arbeit bringt.
Es ist so schön zu sorgen für Menschen, die man liebt.
»Und das reimt sich ja nicht mal!«, stellte ich fest. »Oder hier«, rief Pia:
Sei immer bescheiden, verlang niemals zu viel,
dann kommst du zwar langsam, aber sicher ans Ziel.
Inzwischen hatten wir vor lauter Geiern schon Sauerstoffmangel im Kopf, und so kostete mich das Vorlesen des nächsten Gedichts eine Menge Kraft:
Sei wie das Veilchen im Moose,
bescheiden, sittsam und rein.
Und nicht wie die stolze Rose,
die immer bewundert will sein!
Wir waren für einen Moment stumm. So viel Beknacktheit in so wenigen Worten! Wir sahen uns an und mussten brüllen vor Lachen. Zum Glück schellte es in diesem Augenblick zur ersten Stunde, sonst hätten wir uns totgelacht.
Kurz darauf saßen wir bei unserem wie immer sehr engagierten Physik- und Klassenlehrer, Herrn Bommel, im Physiksaal. Doch statt Physik, wie offiziell auf dem Stundenplan stand, hielt er mal wieder eine Stunde seines Lieblingsfachs ab: Berufskunde. Wie gesagt, Herr Bommel, genannt Bömmelchen, ist sehr engagiert und will uns ernsthaft fit machen fürs Leben. Die meisten finden sowohl Bömmelchen als auch seinen Unterricht ätzend, aber ich mag seine Berufskundestunden. Außerdem haben wir im Physiksaal keine feste Sitzordnung, und so konnten die Klassenbeautys nicht schon jetzt hämisch ihre Tonnen von Valentinsbeute einsacken, die sich auf ihren Tischen im Klassenzimmer bestimmt schon angesammelt hatten. All die Rosen, Schokoladenherzen und Postkarten. Dicke Dackel, mopsige Mischlinge und alle sonstigen Singles – also auch ich – hatten demnach eine weitere kleine Schonfrist.
Heute ging es um akademische Berufe. Bömmelchen erzählte uns, dass ein Hochschulstudium heutzutage leider keine Garantie mehr sei für einen sicheren Arbeitsplatz.
»Was ist schon sicher? Nichts auf dieser Welt ist sicher außer dem Tod und den Steuern«, meinte da Malte. Als Sitzenbleiber ist er einer der ältesten unter uns und allseits anerkannter Sprücheklopfer. Bömmelchen sah ihn überrascht an.
»Zitat von Benjamin Franklin«, fügte Malte hinzu. Das stimmte am Ende sogar, denn obwohl Malte eher schlecht in der Schule ist, liest er unheimlich viel und hat von den abstrusesten Sachen eine Ahnung. Besonders von den abstrusen Sachen. Oder nur von den abstrusen Sachen?
Jedenfalls hinterfragte Bömmelchen den Einwurf nicht, sondern wollte wissen, ob einer von uns schon mal an ein Jurastudium gedacht habe. Klar hatte ich das, ich hab schon an alles Mögliche gedacht. Hauptsache es hat nichts mit Kosmetik zu tun. Also hob ich die Hand.
Ein Fehler. Totenstille. Und nur meine Hand war oben. Ups. Offenbar ist Jura uncool. Bömmelchen holte schon Luft, um wie immer einige wohlwollende, ermutigende und auch warnende Worte zu unseren Berufswünschen zu sagen, da quäkte schon Ninas Tussenstimme durch den Physiksaal: »Höhö, du willst doch nur Jura studieren, damit du dann später immer so’ne alles kaschierende schwarze Anwaltsrobe tragen kannst!«
Bömmelchen hatte einige Mühe, die tosenden Wogen der Heiterkeit zu glätten, die Ninas Kommentar ausgelöst hatte. Ich starrte auf die zerkratzte Tischplatte vor mir, las ein dort vor langer Zeit eingraviertes, unanständiges Wort mit »F« am Anfang und »k« am Schluss und dachte, dass ich in diesem Moment gern von Außerirdischen entführt werden würde. Aber die kommen ja nie, wenn man sie braucht. Pia, die neben mir saß, knuffte mich freundlich und raunte mir zu: »Was die immer für einen Scheiß redet!«
Aber das Schlimme daran ist: Diesmal hatte Nina sogar recht! Zu meinem äußersten Entsetzen hatte sie recht! Genau das hatte ich nämlich wirklich mal gedacht. Ärztin? Sicher ein toller Beruf, aber immer diese engen, weißen Kittel? Nein danke. Weiß verbreitert. Trägt auf. Schwarz dagegen macht schlank.
Was war das für ein Tag, an dem die Klassentusse meine geheimsten Gedanken laut in den Physiksaal brüllte? Ach ja, Valentinstag.

3. Kapitel
Auf dem Weg in unser Klassenzimmer versuchte Pia mich aufzumuntern. »Jetzt vergiss den Quatsch mal und freu dich, dass Valentinstag ist. Guck mal, ich hab dir auch eine Karte geschrieben! Valentinstag ist ja nicht nur für Lover, sondern auch für Freunde.« Sie drückte mir eine selbst gemachte Karte in die Hand. Das war es also, was sie eben im Physiksaal die ganze Zeit gemalt und gekritzelt hatte! Es war ein Spruch aus dem Poesiealbum ihrer Großmutter, allerdings interessant abgewandelt:
Sei nie wie das Veilchen im Moose,
bescheiden, sittsam und rein.
Sondern stets wie die stolze Rose,
die immer bewundert will sein!
Dazu das Bild eines energisch durchgestrichenen Veilchens und einer wirklich stolzen Rose, unter der »Annette« stand. Pia drückte mich herzlich und zog mich lachend die Treppe runter. Echt, sie ist einfach die beste aller besten Freundinnen!
»Und jetzt bin ich mal gespannt, ob dein anonymer Rosenkavalier auch dieses Jahr wieder zugeschlagen hat«, rief sie und stürmte der Tür unseres Klassenzimmers entgegen. Ich musste seufzen. Pia ist auch eine unheilbare Optimistin.
Als wir die Klasse betraten, herrschte dort das fünfminutenpausige Gebrumm und Gesumm, nur viel lauter als sonst. Klar, Valentinstag. Nina und die anderen Schönheitsschicksen stopften, genau wie ich vorhergesehen hatte, bereits Massen an Blumen, Karten, Süßigkeiten und anderen Geschenken in ihre Extrataschen, begleitet vom üblichen tussigen Gekreisch. Malte, unser Sprücheklopfer, musste natürlich seinen Senf dazugeben: »Valentinstag! Das ist doch reiner amerikanischer Kulturimperialismus! Ausgeheckt von der Blumen-, Schokoladen-und Postkartenindustrie! Und ihr Deppen fallt alle drauf rein!«
»Oh, hört, unser Politik-Peter hat uns wieder alle durchschaut!«, rief Pia. Die beiden lieferten sich gern mal kleine Wortgefechte, aber ohne wirklich bösen Ton. Auch jetzt knuffte Pia Malte freundlich in die Seite. »Jetzt verdirb uns armen Konsumopfern mal nicht den Spaß.«
Spaß. Ja, so könnte man den Valentinstag auch sehen, wenn man nicht so eine gestresste Problem-Suse wäre wie ich … Pia jedenfalls hatte Spaß: Sie bekam eine Nelke von Jonas, ihrem Exfreund, der sie insgeheim immer noch liebt, dann eine Rose von Paul aus der Parallelklasse, an dem sie mal interessiert war, aber nicht mehr ist, und dann von Ole aus der 9b eine Schachtel sehr lecker aussehender Pralinen und ein etwas doofes Gedicht, das er aber in seiner schönsten Schönschrift auf eine Karte gemalt hatte. Ich seufzte insgeheim. Wenn da nicht bald was im Busch ist … Meiner Meinung nach würden Ole und Pia super zusammenpassen. Ich wette mal, dass sich da spätestens auf der stadtbekannten Karnevalsfete was tut, die in zwei Wochen an unserer Schule stattfindet … Äh, neidisch? Ich? Nö! Ich gönn’ doch meiner besten Freundin den Erfolg und das Glück und den Spaß!
O. k., ich war ein bisschen neidisch.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich es konsequent vermieden, zu meinem Platz zu gucken. Man soll ja versuchen, die Menge an Frust zu dosieren, die das Universum für einen bereithält, und ich erholte mich zurzeit noch von der Anwaltsroben-Blamage. Dazu kamen dann die anderen blöden Erlebnisse und Erinnerungen dieses immer noch frühen Morgens: der nicht geglückte Fahrradschuppen-Antrag, die blöden Sprüche von Nina und ihren Kumpaninnen, der ständige Zoff mit meiner Mutter zum Thema Hausschlüssel, zum Thema Dicksein, zum Thema Zurechtmachen. Und am meisten nagte natürlich die Tatsache an mir, dass der Mann meiner Träume für mich unerreichbar ist …
Technisch war es kein Problem, nicht zu meinem Platz zu gucken, denn die Lehrer setzen mich und Pia in unserem Klassenzimmer immer konsequent und weit auseinander. Wegen Totquatschgefahr, wie sie sagen. Es schellte zum Ende der Fünfminutenpause und unsere Englischlehrerin Frau Satzke betrat den Raum. Aufgrund ihres seltsamen Gangs, der langen Nase, ihrer unfreundlichen Art und ihres Fachs wurde sie von uns immer »the Schnepfe« genannt. The Schnepfe schnepfte also aufs Lehrerpult zu und sah mich dabei streng an, weil ich noch nicht saß. Also musste ich mich gezwungenermaßen meinem Platz zuwenden.
Und da lagen sie. Mitten auf meinem Stuhl. Die schönsten Rosen, die ich je gesehen hatte, im dicksten Strauß, den ich je gesehen hatte. Ohne ernüchterndes Einwickelpapier, ganz nackt und bloß, in ihrer ganzen fetten Schönheit. Aber auch ohne jeden Hinweis auf den Spender. Keine Karte. Nichts. In meinem Unterbewusstsein wurde ein Bild angeknipst, völlig automatisch, ganz ohne mein Zutun. Das Bild eines Golden Retrievers. Doch bevor sich das Bild des hübschen Hundes in das noch hübschere Bild von Dominik morphen konnte, schritt mein Verstand ein und zensierte die Vorstellung. Zapp, aus! Im Ernst, ich, der Klassenmoppel, krieg doch keinen Strauß Rosen von Dominik! Oder … doch?? Mir wurde flau.
Ich muss bei alldem wohl so kariert aus der Wäsche geguckt haben, dass Frau Satzke mehr besorgt als schnepfig fragte: »Annette, aren’t you feeling well?«
Ich hab dann so was Halbintelligentes geantwortet wie »Öhh«, kann mich aber nicht genau erinnern. Ich kann mich an nichts aus dieser Stunde erinnern, obwohl ich Englisch sonst ganz gern mag, trotz der schnepfigen Lehrerin. Ich weiß nur noch, dass ich die Rosen in die Hand genommen und sie vorsichtig in meinen Schulrucksack gesteckt habe. Der Strauß war richtig schwer! Danach habe ich nur noch ins Leere gestarrt. Wer schenkt ausgerechnet mir einen solchen Strauß zum Valentinstag???
Später dann zu Hause hockte ich an meinem Schreibtisch, starrte die Blumen an und war in dieser Frage keinen Schritt weiter. Die Rosen waren der Wahnsinn. Samtig dunkelrot, groß und halb geöffnet. Zwölf an der Zahl. Freilandrosen, wie meine im Blumenkriegen natürlich sehr erfahrene Mutter ganz aufgeregt bemerkte. Das erkennt man offenbar an den kräftigen Stängeln, den vielen Dornen und am intensiven Duft, und es ist wohl ein Qualitätsmerkmal. Freilandrosen … Wieder seufz … Irgendwie gefiel mir der Gedanke. Keine Treibhauspflänzchen, sondern robuste Outdoorgeschöpfe. So wie ich. Oder sollte das etwa ein Hinweis sein auf meine kräftigen Stängel und meine vielen Dornen?? »Annette, jetzt spinn mal nicht rum«, ermahnte ich mich selbst, »keiner kauft dir so einen Riesenstrauß Rosen, um dich auf die Eigenarten deines Körperbaus oder deines Charakters hinzuweisen! Nicht mal eine Tussenhexe wie Nina würde für so was Geld investieren!« Oder doch? Ich versuchte zum hundertsten Mal, Pia auf dem Handy zu erreichen. Aber das war aus. Warum? Warum nur?? Ich brauchte Pia! Sie sollte jetzt mit mir hier sitzen und das Rätsel der Rosen besprechen! Aber Pia hatte sich seit Beginn der Englischstunde seltsam abwesend benommen. Ich nehme mal an, da ist echt was am Backen mit diesem Ole aus der 9b, denn auch in den Pausen war sie sofort weg, und nun schaltete sich ihr Handy immer gleich auf Mailbox. Mit wem sollte ich denn jetzt über die Rosen spekulieren?
Nein, nicht mit meiner Mutter! Auch wenn die in ihrer Kaffeepause vorhin zu Hause gewesen war und super interessiert in mein Zimmer geguckt hatte. Irgendwie tat sie mir ja fast leid, denn sie platzte fast vor Neugier. Und sie freute sich wirklich für mich. Aber das geht zu weit! Nie würde ich mit meiner Mutter über meine geheimsten Hoffnungen sprechen! Über Golden Retriever oder Mittelstufensprecher … Nur über meine stämmige Leiche! So hatte meine Mutter nach meinem schroffen Grunzen schnell wieder die Tür geschlossen. Manchmal hat es echt Vorteile, wenn man so dornig ist wie ein Strauß Freilandrosen. Aber eine gigantische Frage blieb: Von wem sind sie, diese Rosen??

4. Kapitel